Bobenheim-Roxheim
Pfarrei Hl. Petrus

Sonntag, 01. Mai 2022

Grußworte Mai 2022

Liebe Leserin, lieber Leser,

Sie kennen sicher die Redensart ‚Der frühe Vogel fängt den Wurm‘. Weniger geläufig ist die Umkehrung des Sprichworts ‚Der späte Wurm verpasst den Vogel.‘ Es ist unschwer herauszulesen, auf die Perspektive kommt es an. Es ist entscheidend, von welchem Blickwinkel aus wir die Welt, aber auch die anderen Menschen und nicht zuletzt uns selbst betrachten. Wir wissen ja, ‚alles hat seine zwei Seiten‘. Und wir müssen nüchtern zugeben, dass alles, was uns umgibt, noch sehr viel mehr Seiten zu bieten hat. Auf die jeweilige Perspektive kommt es dabei an. Aus der Distanz betrachtet, sieht vieles eben ganz anders aus.

Wie wir die Welt um uns herum wahrnehmen, scheint dabei nicht nur vom jeweiligen Blickwinkel beeinflusst. Nicht der Winkel allein macht es, auch der jeweilige Blick ist entscheidend. Sie kennen sicher Menschen, die alles durch eine ‚rosarote Brille‘ betrachten. Oder andere, die ein Glas immer halb leer sehen. Ihnen sind sicher im Laufe Ihres Lebens notorische ‚Schwarzseherinnen‘ oder unverbesserliche Pessimisten begegnet.

Das jeweilige Temperament, so eine vorsichtige Erklärung, beeinflusse auch unseren Blick. Schon die Griechen wussten um die Unterschiedlichkeit des Menschen und nahmen daher eine Einteilung vor, die vielen bis heute geläufig ist. Auf Galenos von Pergamon geht die Vier Temperamenten-Lehre zurück. Er unterschied den Phlegmatiker, den Sanguiniker, den Choleriker und den Melancholiker. Natürlich treffen die jeweiligen Temperamente auch auf Frauen zu.

Dabei beeinflusst das jeweilige Temperament nicht nur das Sehen, sondern hat Einfluss auf unser Handeln. Ich denke, ich brauche es nicht weiter auszuführen. Wer je in seinem Leben einem Choleriker begegnet ist, kann ein Lied davon singen.

Uns Menschen ist der Gesang, aber auch die Sprache und die Rede geschenkt. Es scheint daher nicht befremdlich, dass auch die jeweilige Rede unsere Wahrnehmung und auch unser Handeln bestimmt. Auch hierbei bilden Redensarten und Sprichwörter wahre Fundgruben, die uns von der Folgerichtigkeit unserer Einschätzung überzeugen. ‚Rede Dir ja nicht ein, dass …‘ was auch immer. Manchen geläufig ist die Redewendung: ‚Das redest Du Dir schön.‘ Dass man sich hüten solle, ‚etwas schlecht zu reden‘, mag viele überzeugen.

Wir sind also in der Lage, uns etwas einzureden. Dies kann einen positiven Charakter tragen, verbreiteter dürfte wohl die negative Variante sein. Dass Gedanken und Gefühle wichtig sind, war Menschen immer schon bewusst. Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich die Wüstenväter und –mütter sehr intensiv damit beschäftigt haben. Bekanntheit hat der Wüstenvater Evagrius Ponticus († 399) erlangt. Er hat ein eigenes Buch geschrieben, in dem er über 600 solcher schlechten Einreden gesammelt hat. Er nennt es Antirhetikon, also eine Sammlung von Gegen-Worten.

Solche Worte bestimmen und prägen uns. Sie bestimmen unsere Gefühle. Und mit unseren Gefühlen auch unser Handeln und damit wieder auch unser Reden. Die ‚Einreden‘ anderer haben einen großen Einfluss auf unsere Gefühle, unser Denken, unser Handeln, darauf wie wir uns sehen, beurteilen und wertschätzen. Wer hat nicht die schmerzlichen Erfahrungen gemacht, dass einem ‚etwas ausgeredet‘, oder auf der anderen Seite auch wieder etwas ‚eingeredet‘ werden soll. Viele solcher Reden setzen sich ganz tief in unseren Gedanken und unseren Seelen fest. Sie sind – meist unbewusste – Begleiterinnen, die in uns wohnen. Die Wüstenväter und – mütter nannten sie daher auch Dämonen. Eine der gelungensten Übersetzung bietet Fridolin Stier, der sie ‚Widergeister‘ nennt.

Worte, Reden, Sätze haben also einen ganz tiefen Einfluss auf uns. Sie schaffen Unheil, können aber auch zur Heilung dienen. Es gehört zu den großen Entdeckungen der letzten Jahrzehnte, dass Jesus wieder neu als der Heiland, der Heiler und als Therapeut ins Bewusstsein trat. Seine Worte, die uns die Evangelien überliefern, werden als Heilungsworte, als Zusprüche und Anreden neu verstanden. Es ist eine Entdeckungsreise wert, in den vielen Heilungsgeschichten nach diesen Anreden, Zusprüchen und Heilsworten zu suchen. Ich bin mir sicher, Sie werden viele heilsame Worte, Anreden und Zusprüche für sich finden.

Im Monat Mai darf sich unser Blick besonders auf Maria richten. ‚Mir geschehe, wie du es gesagt hast‘ (vgl. Lk 1, 38). In den für uns als heilsam entdeckten Worten, so die große Verheißung, werden wir auch ein heilsames Handeln Gottes an uns erkennen. So können wir zum Segen – Benedicio – einem guten Wort, einer guten Rede, einem guten Zuspruch werden.

So wünsche ich Ihnen eine spannende Entdeckungsreise auf der Suche nach Ihrem guten Wort, damit Sie Segen empfangen und selbst zum Segen werden.

Markus Hary, Pfarrer

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