Homburg
Pfarrei Hl. Johannes XXIII.

Samstag, 08. Mai 2021

Gedanken zu den Sonntagstexten

6. Sonntag nach Ostern

 

Lesung aus dem ersten Johannesbrief (1 Joh 4, 7-10)

Schwestern und Brüder, wir wollen einander lieben;

denn die Liebe ist aus Gott,

und jeder, der liebt, stammt von Gott und erkennt Gott.

Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt;

denn Gott ist die Liebe.

Die Liebe Gottes wurde unter uns dadurch offenbart,

dass Gott seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat,

damit wir durch ihn leben.

Nicht darin besteht die Liebe, dass wir Gott geliebt haben,

sondern dass er uns geliebt

und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt hat.

 

Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes  (Joh 15,9-17)

In jener Zeit sprach Jesus:

Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt.

Bleibt in meiner Liebe!

Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben,

so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe.

Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist

und damit eure Freude vollkommen wird.

Das ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe.

Es gibt keine größere Liebe,

als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.

Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage.

Ich nenne euch nicht mehr Knechte;

denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut.

Vielmehr habe ich euch Freunde genannt;

denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe.

Nicht ihr habt mich erwählt,

sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt,

dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt.

Dann wird euch der Vater alles geben, um was ihr ihn in meinem Namen bittet.

Dies trage ich euch auf: Liebt einander!

 

Gedanken zu Lesung und Evangelium von Monika Dittmann

Liebe – das ist ein großes Wort. Die Werbung nutzt es, Versicherungen „lieben“ ihre Kundschaft, in Internetforen „liken“ Menschen ihre (vermeintlichen) Vorlieben. Liebe ist Alltagswort geworden – aber auch Alltagswert? Liebe, das ist eine große Erwartung, die Verliebte oft auch in die Irre führt – denn die echte Liebe ist mehr als Verliebtheit – es ist die Herzenskraft, die aushält, wenn es schwer wird. Die weitergeht, wenn es aussichtslos erscheint, die den anderen im Blick hat, nicht den eigenen Erfolg und das eigene Wohlbefinden.

Liebe – dazu fordert Jesus auf. Die Jünger – und auch uns! Mehr noch: bleibt in meiner Liebe – in der Liebe, die Hingabe und Passion ist, eine Leidenschaft, die Leiden schafft. Diesen österlichen Auftrag können wir nur erfüllen, wenn wir uns von Gott geliebt wissen. Im Evangelium hießt es: Gott hat uns erwählt – nicht, dass wir Erfolgsmenschen werden. Nicht, dass wir weltberühmt werden. ER hat uns erwählt, dass wir uns aufmachen und Frucht bringen – Frucht der Liebe, der Güte, der Barmherzigkeit und der Geduld.

Jesus nennt uns Freunde – nicht Knechte oder Untertanen, die nach seiner Pfeife tanzen oder unter seiner Knute hirnlos funktionieren müssen. Freunde – als solche sind wir eingeladen, das Liebeswerk, das die Tora aufträgt, weiterhin zu praktizieren, wie er es vorgelebt hat. So fließt die Liebe, die Gott in Jesus verströmt hat, weiterhin diese Welt zu durchdringen. Das geht nicht aus unserer Kraft heraus. Denn wir sind Menschen, fehlbar, unvollkommen – Aber das muss uns nicht niederdrücken – Wir haben die Zusage Jesu, dass wir aus Gottes Kraft leben können – wenn wir „an ihm dranbleiben“.

Wir müssen die Verbindungen zu Jesus pflegen – im Gebet und in der Stille, im Gespräch mit Gott – also im Lesen der Heiligen Schrift. Im Singen und Beten – im Gottesdienst oder auch in der kleinen Stube. Im Stoßgebet, im täglichen Friedensgebet.

Was können wir tun in einer Welt, die herzenskalt und blickfrostig ist? In der Spaltung zur Selbstverwirklichung dient? Wo Ellbogen den Weg frei machen für Egozentriker? Wo Verschwörungsgeschichtenerzähler in die Irre leiten? Da ist zuerst – für uns Christen allemal –, dass wir geliebt und angeschaut sind. Dass wir einen haben, der uns Vorbild ist. Dass wir auf den schauen, der vorgelebt, vorausgegangen und gesandt hat: Jesus, der aufstand, wenn er darniederlag, der sich nicht von Barmherzigkeit abhalten ließ – auch unter dem schäbigen Blick so vieler, der zur Wahrheit stand, ohne gewalttätig zu werden, der eine Leidenschaft für den Nächsten entwickelte, sich nicht schonte. Ja, überlegen Sie selbst: wo wäre gerade heute, jetzt, der Platz, an dem Jesus innehalten, helfen, hinsehen … würde?

Was können wir noch tun – alt, schwach, krank? Auch im Alter sind wir gerufen, Gottes Liebe weiterzutragen. Das kann das Gebet für einen schwierigen Hausgenossen sein. Das kann das Friedensgebet für politische Ereignisse sein. Das kann das freundliche Wort an eine Pflegekraft sein, die völlig am Boden ist. Das kann … Ja überlegen Sie selbst: Liebe ist nicht das gewaltige Wort, sondern das alltägliche Tun, das Gleichgültigkeit, Unzufriedenheit und Missmut entgegentritt.

Christen sind Hoffnungsmenschen – von Ostern her – und das muss sich bemerkbar machen in unserem Wohlwollen und in unserer Liebe zum Nächsten – und auch Übernächsten! Es ist schwer, das nachzumachen, was Gott vorgeliebt hat – sicher. In der Lesung heißt es, er ist in Jesus Mensch geworden. Aus Liebe.

Weil ER uns nicht alleine lassen wollte.

Weil ER ein Zeichen seiner Gegenwart setzen wollte.

Weil ER ganz nahe am Menschen dran sein wollte.

Weil ER sich unser Leid zu eigen machen wollte.

Genau das ist unsere Berufung: Nahe am Menschen dran sein, spüren, was der andere braucht – nicht was ich für mich haben will. Gottes Menschwerdung ist am Kreuz und im Grab geendet – aber im Vertrauen auf Gott hat er den Tod überwunden. Seine Liebe geht da weiter, wo seine Himmelfahrt uns nicht verzweifelt oder gleichgültig zurücklässt, sondern anspornt, das weiterzuleben, was er uns vorgelebt hat.

Liebe meint Treue; oder mit den Worten des Johannes: Bleiben, dran bleiben an dem was wir gehört und gesehen, gelesen und geglaubt haben: die Liebe ist stärker als die Macht des Bösen. Drin bleiben in der Geisteshaltung, die nicht das Versagen sieht, sondern die Möglichkeiten, die in jedem Menschen stecken. Dabei bleiben, nicht auf und davon gehen, es nicht eilig haben, wenn Menschen schwach, krank, sogar nahe am Tod sind. Das Bleiben beim Menschen ist zugleich das Bleiben in der Liebe. Wenn wir mit unserer Liebe scheitern, wenn wir darniederliegen mit unserem guten Willen – dann wissen wir: Vertrauen auf Gott, das führt zu neuer Lebens- und Liebeskraft. Bleiben wir an Gott, denn ER ist uns treu, damit wir treu sein können in der Liebe. Wenn wir immer wieder die Liebe versuchen, dann bleibt die Osterhoffnung unter uns lebendig – und Freude kann sich ausbreiten – im eigenen Herzen, aber auch dort, wo Menschen miteinander leben. Mehr noch: dann bleibt Jesus unter uns lebendig – und damit die Liebe Gottes. Diese Liebe ist Gottes Wesen – wie es im 1. Johannesbrief heißt.

Christen reden nicht von Liebe – sie leben sie

Ja, unsere Welt braucht Liebe – dringend. Doch ist Liebe eine Macht des Herzen, die nicht gefördert werden kann durch Maßnahmen oder politische Programme. Sie muss gelebt werden. In der Hinwendung zum Menschen zeigt sie sich. Und jene, die nach dem Osterfest im erhöhten Herrn den erkennen, dem es gelungen ist, sein Gottvertrauen so konsequent zu leben, dass nichts ihn davon abhalten konnte, gut, barmherzig, hilfreich, aufrichtend und liebend zu sein: Jene, die sogar seinen Namen tragen, seitdem sie in der Taufe mit ihm gestorben und zum befreiten Leben neugeboren worden sind. Ebenjene sind es, die nicht mit großen Worten, sondern in leisen Zeichen und behutsamen Worten, in zärtlichen Gesten und auch klaren Ansagen die Liebe in die Welt tragen – besonders an die Ränder der Gesellschaft. Christen wechseln die große Münze Liebe in kleine alltägliche Münzen der Geduld, der Aufmerksamkeit, der Güte, der Vergebung, des Zuhörens und der Freundlichkeit – auch dem Fremden und der Nervensäge gegenüber.

Unser Auftrag und das großartige Vorbild Jesu – Liebe ohne Begrenzung – das ist nicht einfach zu leben. Aber wo auch immer das geschieht, erleben Menschen Befreiung. Wo auch immer das geschieht, ist die Freude groß. Dann wird etwas wahr von dem, was im Glauben seiner Väter schon immer grundgelegt war und was Jesus von Neuem bezeugt: Gott befreit und erlöst; ER hat nicht nur sein Volk aus Ägypten befreit, nicht nur über das Exil hinaus geführt, nicht nur in Jesus herausgeführt aus so vielen kleinen und großen Bedrängnissen und Abhängigkeiten – er befreit auch zur Freude, die über die Osterzeit hinaus bestehen bleibt – und vom neuen Leben erzählt.

Beginnen wir jeden Tag mit einem kleinen Gebet, damit wir in der Liebe bleiben – und uns Liebe gelingt:

Gott der Liebe, gib mir Liebe, dass ich lieben kann.

Gib mir Liebe, dass ich aushalten kann.

Gib mir Liebe, dass mein Herz mit deinem verschmilzt.

Gib mir Liebe, dass ich in dir bleibe und du in mir und wir alle nahe am Reich Gottes.

Gib mir Liebe, dass ich immer mehr das geben kann, was du den Menschen geben willst:

Leben – Liebe – Hoffnung.

 

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