Ludwigshafen
Dekanat Ludwigshafen

Sonntag, 06. März 2022

„Wir wollen Segensort in der Welt sein“

Hirtenwort zur Fastenzeit von Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann

Die Vision des Bistums, Segensort für die Menschen zu sein, hat Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann in den Mittelpunkt seines diesjährigen Hirtenwortes zur Fastenzeit gestellt. Außerdem bringt er seine Erschütterung über den Krieg in der Ukraine zum Ausdruck. Der Text des Hirtenwortes wird an diesem Wochenende in den Gottesdiensten im Bistum Speyer verlesen.

„Vor zwei Jahren haben wir uns auf den Weg zu solch einer gemeinsamen Vision gemacht. Sie sollte wieder die Freude des Evangeliums in uns wecken und neue Horizonte für unseren Auftrag und unsere Sendung als Kirche von Speyer erschließen“, so der Bischof. Und obwohl durch die Corona-Pandemie nur die erste von mehreren geplanten Veranstaltungen zum Visionsprozess stattfinden konnte, sei „etwas Wunderbares“ geschehen: „Mehr als 4000 Eingaben von unzähligen Gläubigen aus allen Teilen unseres Bistums kamen in einem lebendigen Prozess des Erstehens unserer Vision auf digitale Weise zusammen. Sie fügten sich wie ein vielfältiges Puzzle ineinander zu einem lebendigen Bild einer Kirche, die sich ihrer unverzichtbaren Sendung für die Welt und die Menschen in unserer Zeit wieder neu bewusst wird. Mitten in der schwersten Glaubwürdigkeitskrise seit Wiedergründung des Bistums vor mehr als zweihundert Jahren setzten so viele aus Liebe zu ihrem Glauben und in Sorge um ihre Kirche engagierte Menschen in unserem Bistum ein deutliches Zeichen.“

In der aktuellen Krise der Kirche komme es darauf an, „von welcher Kraft der Erwartung wir uns bestimmen und bewegen lassen. Dabei ist die Vision, die uns als Christen trägt, nicht von uns selbst geschaffen, sondern sie ist uns von Gott her geschenkt. Sie tritt uns im auferstandenen Christus lebendig gegenüber. Wäre die Kirche nur Menschenwerk, wäre sie schon lange untergegangen“, betont Wiesemann.

Die zentrale Botschaft der Vision, die er allen ans Herz legen wolle, sei diese:

„Berührt und bewegt von der Menschenfreundlichkeit Gottes wollen wir Segensort in der Welt sein: gastfreundlicher Ort heilsamer Unterbrechung, offener Raum des Dialoges, sicherer Ort der Seelsorge, unmittelbar erfahrbarer Nächstenliebe und der Feier der Gemeinschaft Gottes mit den Menschen.

Jesus Christus ist der Maßstab unseres Handelns. Er hat die Armen und Ausgegrenzten in den Mittelpunkt gestellt. Sein Evangelium ruft uns zur Umkehr.

Im Vertrauen auf den Heiligen Geist, der uns allen geschenkt ist, sind wir als synodale Kirche gemeinsam auf dem Weg. Wir sind weltweit verbunden mit allen Geschwistern im Glauben.

Wir engagieren uns anwaltlich für Gerechtigkeit und Frieden, für unser gemeinsames Haus Erde und für die gleiche Würde und die gleichen Rechte aller Menschen. Uns ermutigt unser Glaube an Gott, der ‚alles neu machen‘ will (Offb 21,5).“

Während er die Worte der Vision „nachklingen lasse“ und an diesem Hirtenbrief schreibe, bewege ihn in besonderer Weise die Nachricht vom Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine. „Ich bin zutiefst erschüttert über diesen Wahnsinn. Krieg kann niemals eine Lösung sein. Krieg bedeutet entsetzliches Leid und menschenverachtende Ungerechtigkeit. Krieg bringt Unheil und Tod. Was kann doch die Machtbesessenheit eines autokratischen Herrschers an Leid über so viele Menschen, letztlich über die ganze Menschheit bringen!“, erklärt Bischof Wiesemann.

Aber es gelte auch das Umgekehrte: „Was kann das Engagement eines jeden von uns für Frieden und Gerechtigkeit, für die Würde des Menschen und die Solidarität mit allen Schwachen, Armen und Entrechteten für ein unverzichtbar wichtiges Licht in unserer Welt entzünden!“ Dabei gehe es um die Vision, die Jesus den Menschen in der Bergpredigt geschenkt habe: „Selig, die keine Gewalt anwenden … Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit … Selig, die Frieden stiften …“ (Mt 5,5.6.9).

Die Herausforderung des Augenblicks gebe der Vision des Bistums die Tiefenschärfe „damit wir gegen alle Menschenverachtung Gottes Liebe zu jedem Menschen mit ganzer Kraft setzen und Segensort in dieser Welt sind: ein Ort, an dem die Machtstrukturen dieser Welt durchbrochen werden, auf Augenhöhe miteinander umgegangen und ein offener Dialog statt sektenartiger Selbstinszenierung gepflegt wird, Seelsorge menschennah und vor Verletzung geschützt geschehen kann, keiner in seinen Nöten und Sorgen alleine gelassen wird, sondern unmittelbar Hilfe und Gemeinschaft erfährt, und unsere Sakramente und Gottesdienste zu unter die Haut gehenden Feiern des Lebens gegen alle Mächte des Unheils und des Todes werden.“

Die Vision sei davon geprägt, dass allen Menschen in der Taufe und Firmung der Heilige Geist gegeben worden ist. „In der Kirche darf es keine graduellen Unterschiede geben. Das Amt in der Kirche beschreibt etwas anderes, als das, was wir von weltlichen Hierarchien kennen. Es muss Dienst am Volk Gottes als Träger des Geistes Gottes sein, Dienst an der Vielfalt der Charismen und an ihrer Einheit in der Gemeinschaft der Kirche“, schreibt Wiesemann.

Das Wichtigste sei, „dass wir als Kirche aufhören, um uns selbst und die Erhaltung unseres Milieus zu kreisen. Nur von ihrer Sendung in die Welt hinein und ihrem Dienst an den Menschen her, erlangt die Kirche ihr Profil für die Menschen unserer Zeit. Sie soll Zeichen und Werkzeug für den Gott sein, der jedem Menschen nahe ist, und für die darin gründende Einheit der ganzen Menschheit. Unser Blick muss vom Kern des Evangeliums her global sein.“ Man könne nicht Christ sein „ohne empathische und engagierte Solidarität vor allem mit den Schwachen und Armen, ohne Einsatz für eine weltumspannende Gerechtigkeit, die auch unseren Lebensstil in Frage stellt, und für eine Friedensordnung, die aller Machtwillkür mit Entschlossenheit entgegentritt, dabei sich selbst aber nicht in die Spirale der Gewalt hineinziehen lässt.“

 

 

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