Germersheim
Pfarrei Seliger Paul Josef Nardini

Freitag, 17. Juli 2015

Bistumsleitung visitiert unsere Projektpfarrei

„Heute sind Sie zum letzten Mal unser Versuchskaninchen.“ Dr. Thomas Kiefer vom Seelsorgeamt des Bischöflichen Ordinariates deutet mit diesen Worten einen Schlussstrich unter das Kapitel „Projektpfarrei“ an. Vier Jahre lang hatten die Pfarrei Germersheim mit ihren Gemeinden, zu denen Sondernheim, die Rheinstadt selbst, aber auch Lingenfeld, Schwegenheim und Westheim gehören, die Neuausrichtung der Seelsorge im Bistum Speyer geprobt.

Abermals war die Projektpfarrei, genauer gesagt, ihr Seelsorgerteam und die ehrenamtlich Verantwortlichen am 25. Juni aufgefordert, einen Probelauf zu bestehen. Denn die Visitation des Bischofs wurde ebenfalls als Test verstanden: So oder ähnlich will der Speyerer Bischof künftig seine Visitationen handhaben, die ihm das Kirchenrecht vorschreibt. Der Bischof oder seine Beauftragten müssen regelmäßig alle Pfarreien besuchen. Künftig wird die Visitation weniger ein „Kontrollgang“ sein, sondern wird als Erfahrungsaustausch, gegenseitige Ermutigung und als „geistliches Geschehen“ gestaltet. Wie in Germersheim am 25. Juni. 

Der Bischof und seine Mitarbeiter nehmen dabei das Seelsorgekonzept der Pfarrei unter die Lupe, stellen Fragen zum pfarrlichen Leben, zur Zusammenarbeit im Pastoralteam, üben konstruktive Kritik, geben Rat zu möglichen Korrekturen und teilen Erfahrungen aus anderen Pfarreien mit. An der Germersheimer Visitation – sie findet im Pfarrheim von Lingenfeld statt – nehmen neben Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann dessen persönliche Referentin Elisa Ahrens, Dr. Kiefer und Domkapitular Franz Vogelgesang teil.    

Eigentlich hätte dieser Abend ganz anders ablaufen sollen: Seitens des Bischöflichen Ordinariates war ein minutengenaues „Drehbuch“ des Abends mit den Stationen und Leitfragen für das Gespräch vorgelegt worden. Die Germersheimer zeigen sich aber – wie schon in den vier Jahren als Projektpfarrei – als störrisches „Versuchskaninchen“: Die Vorgaben aus Speyer wurden nicht automatisch umgesetzt, sondern meist erst einmal hinterfragt. Thomas Kiefer als Ansprechpartner der Projektpfarreien im Ordinariat spricht im Lingenfelder Pfarrheim denn ganz offen von Kopfzerbrechen, Stirnrunzeln und Ärger bei Anrufen aus Germersheim. „Was wollen die denn jetzt schon wieder anders machen?“, habe er sich mehr als einmal gefragt, wenn die Vorwahl aus Germersheim auf seinem Telefon aufgetaucht sei.

Bei der Visitation zeigen sich Kiefer wie auch sein Chef Franz Vogelgesang daher zunächst einmal zurückhaltend. Denn statt die Präsentation der Pfarreiarbeit mittels Computer vorzunehmen, wie vorgeschrieben, stellen Haupt- wie Ehrenamtliche in kurzweiligen Statements und Beiträgen dar, was in den letzten Jahren in der Pfarrei Germersheim mit ihren drei Gemeinden auf den Weg gebracht wurde.

Den Darstellungen folgen Nachfragen seitens der Vertreter aus Speyer. Der Bischof etwa zeigt sich beeindruckt, wie die Projektpfarrei in ihrem Seelsorgekonzept immer wieder den neuen Pfarrpatron Nardini zu Wort kommen lässt. „Man spürt, dass dieses Konzept in Ihnen gereift ist.“ Domkapitular Vogelgesang legt sogar noch eins drauf: „In den Visionen für die Seelsorgsarbeit zeigt sich für mich das Wirken des Heiligen Geistes.“

Mit den Visionen verbinden die Germersheimer Verantwortlichen das Symbol der Sterne, „die man nicht alle erreichen kann, die aber stets der Orientierung dienen“, wie es im Papier der Pfarrei heißt.

Das Pastoralkonzept der Pfarrei enthält eine Situationsanalyse, daraus abgeleitete Urteile sowie Ziele für die Arbeit. Das Konzeptpapier beschreibt Wege, wie die katholische Kirche vor Ort in den Nöten der Menschen helfen kann – etwa in der Sorge für Flüchtlinge, die mit dem inzwischen von zahlreichen Personen getragenen „Arbeitskreis Netzwerk Asyl“ angeregt wurde. Oder das Notfallhandy, mit dem rund um die Uhr ein Seelsorger erreichbar ist für Menschen in existenziellen Nöten.

Insgesamt wird das Germersheimer „Visitations-Modell“ zur runden Sache. Der Funke springt über: Man sitzt im Stuhlkreis auf Augenhöhe beieinander, hört sich zu, fragt nach, diskutiert – und lacht auch miteinander. „Wo bei allem Ernst doch so herzlich gelacht werden kann, ist man richtig“, urteilt Bischof Wiesemann, der sich sichtlich wohl fühlt. Und nach rund zwei Stunden wird er sagen: „Ich danke Ihnen für den schönen Abend, den Sie mir bereitet haben.“

Doch davor stand ein mit Spannung erwarteter Tagesordnungspunkt. Einer nämlich, den die Speyerer so gar nicht geplant hatten. Die Germersheimer wollten rückmelden, wie es ihnen als Projektpfarrei insgesamt ergangen ist mit dem Ordinariat, seinen Mitarbeitern und deren Erwartungen. Das geschieht mittels farbiger Bälle, auf denen lachende, weinende, überraschte, zornige oder ratlose Gesichter gemalt sind. „Manchmal war es zum Haareraufen, wenn man unsere Erfahrungen gar nicht abgefragt hat“, so Pfarreiratsvorsitzende Martina Rieger mit dem schier platzenden roten Ball des Ärgers in der Hand. „Der Termindruck, den wir aus Speyer gemacht bekamen, der ließ manchmal die Luft knapp werden“, stellte Pfarreiratsmitglied Stefan Weis fest. Er hält einen verschrumpelten Ball in seinen Händen. So werden Ärger, Kritik, Lob, Verständnis, Verwunderung und auch Dankbarkeit gezeigt. Doch dann sagt Pfarrer Jörg Rubeck: „Ja, trotz allem, oder gerade deswegen würden wir alle wieder Projektpfarrei sein wollen.“ Das laut hörbare Aufatmen in der Runde stammt von Domkapitular Vogelgesang, und Dr. Kiefer strahlt übers ganze Gesicht.

Dann folgt eine Überraschung – auch die Speyerer werden eingeladen, offen auf die Zusammenarbeit mit der Projektpfarrei zurückzuschauen. Die Germersheimer werfen dem Bischof und seinen Mitarbeitern die Bälle zu. Dr. Kiefer ist gerührt und dankbar: „Man merkt einfach, dass ihr hier toll zusammenarbeitet. Dass freut mich sehr!“ Bischof Wiesemann dankt für den „Mut der Projektpfarreien, neue Wege zu suchen und zu gehen“. Zugleich zeigte er sich erstaunt, wie viel in der Pfarrei Germersheim mit den drei Gemeinden auf den Weg gekommen ist. Franz Vogelgesang macht aus seinem Ärger keinen Hehl „dass die doo in Speyer“ meist mit Negativem verbunden werden. „Es wird immer so getan, als ob wir schon längst den Plan in der Tasche hätten und stets alles wüssten, aber dem ist nicht so.“ Aber dennoch zieht der Domkapitular Vogelgesang ein positives Fazit, als er sagt: „Ich habe gespürt, dass wir miteinander auf einem geistlichen Weg unterwegs sind. Und ich glaube, wir alle hier haben das heute so erlebt.“

Gäbe es für die Arbeit von Seelsorgern und den ehrenamtlichen Verantwortlichen Noten wie in der Schule, dann wäre es wohl eine „Eins“ gewesen, die die Projektpfarrei Germersheim eingeheimst hätte. Der Speyerer Bischof und seine Mitarbeiter bescheinigten den Verantwortlichen eine Arbeit, die viele zum Engagement motiviert. „Es macht uns auf jeden Fall froh und auch stolz, dass die meisten unserer Gremienmitglieder hier bei den Wahlen wieder kandidieren wollen“, so Jörg Rubeck. Am 10. und 11. Oktober stehen die Wahlen zu den Gremien Pfarreirat, Verwaltungsrat und die drei Gemeindeausschüsse an – in der Pfarrei Germersheim und im ganzen Bistum.

Hubert Mathes

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