Dom

Mittwoch, 18. November 2020

„Der Dom ist immer für eine Überraschung gut“

Zeigt sich weiter als Baustelle: der Vierungsturm des Doms (Foto Dezember 2019)

Risse im Gewölbe der Katharinenkapelle

Schäden am Schwellenkranz des Vierungsturms, entstanden durch Feuchtigkeit, holzzerstörende Pilze und Insekten

Dombaumeisterin Hedwig Drabik stellte die aktuellen und zukünftigen Baustellen am Dom vor

Speyer. Das Gerüst am Vierungsturm verkündet weithin sichtbar von den Baumaßnahmen am Dom. „Warum dauert das so lange?“ mag sich da manch einer fragen. Dombaumeisterin Hedwig Drabik ließ nach ihrer Amtsübernahme das Dach untersuchen und erlebte da gleich eine böse Überraschung: Der Dachstuhl war extrem mit Holzschutz-und Insektenschutzmitteln belastet und zugleich am Schwellenkranz in einem sehr schlechten Zustand, wie sie bei einer Videokonferenz mit Medienvertretern eindrücklich schilderte. Auch an anderer Stelle am Dom zeigen sich immer wieder unerwartete Schäden. Bei den enormen Ausmaßen des Doms sind viele Stellen schwer zugänglich und nur über Gerüste erreichbar. So beim Schraudolph-Fresko in der Vorhalle, wo die Schäden erst aus der Nähe sichtbar wurden.

Bei großen wie bei kleineren Projekten erlebt Dombaumeisterin Hedwig Drabik mit ihrem Team immer wieder Überraschungen. Diese müssen jedoch nicht unerfreulich sein. So habe das Zusammenspiel verschiedener Experten und die guten Kontakte zu den Münsterbauhütten in Straßburg und Basel zu neuen spannenden Erkenntnissen im Hinblick auf das berühmte Epitaph von Rudolf von Habsburg geführt. „Der Dom ist immer für eine Überraschung gut“, summierte Drabik die Erfahrungen der ersten anderthalb Jahre im Amt.

Domdekan und Domkustos Dr. Christoph Kohl lobte das umsichtige Vorgehen der Dombaumeisterin: „Ich bin froh, dass unsere Dombaumeisterin den Dom so gut im Blick hat“, so Kohl. „Einige Sorgen mache ich mir hingegen um die Finanzierung der anstehenden Sanierungsmaßnahmen. Auch wenn die Corona-Pandemie sich auf den Fortschritt der Restaurierungsprojekte kaum ausgewirkt hat, so bringt diese doch wirtschaftliche Unsicherheit, die uns bereits jetzt zum Sparen zwingt“, sagte der Domdekan und Domkustos. „Umso dankbarer bin ich unseren Unterstützern und den Förderinstitutionen des Doms, die uns noch etwas Handlungsspielraum geben.“ Der Dombauverein gibt jährlich zwischen 100.000 und 120.000 Euro zu den Baumaßnahmen am Dom hinzu. Die Europäische Stiftung unterstützt projektbezogen und wird im kommenden Jahr die neue Orgel in der Afrakapelle, eine neue Beschallungsanlage und ein neues Chorpodest mit insgesamt bis zu 500.000 Euro mit finanzieren. Das Land unterstützt die substanzerhaltenden Maßnahmen am Dom einer Kostenübernahme in Höhe von 40%.

Sanierungsarbeiten an der Vorhalle

Zunächst wurde von Dombaumeisterin Hedwig Drabik die Vorhalle des Doms in den Blick genommen. Diese ist bereits seit April 2020 wieder für Besucher geöffnet, die Sanierungsmaßnahmen an der Raumschale und den Einzelbildwerken sind abgeschlossen. Ein kleiner Teilbereich in der Vorhalle wird derzeit noch bearbeitet. Es handelt sich hier um das Kenotaph Adolf von Nassau, welches eine Neuvergoldung der Beschriftung erhält und im Sockelbereich mit einer neuen Sockelleiste ergänzt wird. Die Arbeiten werden noch vor Weihnachten einen Abschluss finden.

Die Gesamtkosten der Maßnahme lagen geschätzt bei 891.000€. Insgesamt wurden für die Instandsetzungsmaßnahme allerdings nur ca. 760.000€ verausgabt und die Kosten somit eingehalten. Finanziert wurde die Maßnahme aus Mitteln des Denkmalschutz-Sonderprogramms VII der Bundesregierung in Höhe von 360.000 Euro, einer komplementären Finanzierung des Landes Rheinland-Pfalz, Unterstützung durch den Dombauverein und Eigenmitteln des Domkapitels.  Die vorab vorgesehene Zerlegung der Kenotaphe war innerhalb der Sanierungsmaßnahme nicht notwendig geworden. Sämtliche an den Kenotaphen ausgeführte Maßnahmen konnten in situ erfolgen, sodass substanzschonender und kostensparender agiert werden konnte.

Einsparungen ergab vor allen Dingen auch die nur partiell vorgesehene Restaurierungsarbeit am letzten in situ bestehenden Fresko von Johann Baptist Schraudolph, welches sich über dem Hauptportal befindet. Hier rechnete man ursprünglich mit kleineren Retuschen und partiellen Neuvergoldungen. Im Zuge der restauratorischen Untersuchungen sind erhebliche Schäden am Bildnis festgestellt worden. Die in der Gesamtsanierung der Vorhalle vorgesehenen Kosten für kleinere Arbeiten hätten nach aktuellem Schadensbild nicht für die Gesamtinstandsetzung des Freskos ausgereicht. Die Kosten für diese Maßnahme am Fresko werden derzeit auf 190.000 Euro geschätzt. Vorgesehen sind in den kommenden Jahren weitere Untersuchungen am Fresko zur Machbarkeit der Abnahmen der Retuschen aus der Neuzeit, sowie die Anlegung von Musterflächen zu möglichen Rekonstruktionen, Rückführungen und Neuvergoldung.

Westbau – Instandsetzung Torgitter und Stufenanlage

Mit der Instandsetzung der Raumschale der Vorhalle wurden bereits parallel Untersuchungen an den Gittertoren des Westbaus durchgeführt, die sehr spannende Befunde zu Tage förderten. Auf den zuletzt grau gestrichenen Gittern wurde eine grüne Farbfassung gefunden, die mit großer Wahrscheinlichkeit noch der Bauzeit zuzuordnen ist.

Die am nordwestlichen Gitter angebrachten grünen Farbmuster wurden im Oktober seitens der Denkmalpflege und dem Wissenschaftlichen Beirat begutachtet. Die Denkmalpflege befürwortet eine Rückführung der Gitterfarbe in den grünen Originalzustand, der lautlabortechnischer Untersuchung die Erstfassung des Gitters darstellt. Das südliche Torgitter wurde bereits durch den Schlosser ausgebaut und wird derzeit mit dem bemusterten Anstrich versehen. Lose Altanstriche werden hier behutsam händisch entfernt, Bundstellen sorgfältig gereinigt und rostige Verbindungsmittel ersetzt.

Neben den Zugängen bildet die Schnittstelle die Stufenanlage, in die die Gitter einbinden. Hier konnte man bereits Rostsprengungen durch die Fußpunkte in den Stufen feststellen. Durch eine großzügige Spende der Deutschen Stiftung Denkmalschutz über 50.000€ konnte dieses Projekt im Anschluss an die Sanierung der Vorhalle angestoßen werden. Hier handelt es sich um das Aushängeschild und den primären Zugang zum Dom, der auch aus Sicherheitsgründen angegangen wird. Die Stufenanlage ist stellenweise beschädigt. Teilbereiche müssen hier abgebaut und neu gesetzt werden. Neben der Reinigung erfolgt eine Neuverfugung sämtlicher Stufen. Auch ein neues Geländer und eine Beleuchtung der Stufen sollen die Sicherheit erhöhen.

Die Sanierung der Vierungskuppel

Das Jahr 2020 wartete mit einigen Überraschungen auf. Hier wurden im barocken Dachstuhl der Vierungskuppel erhebliche Schäden an der tragenden Holzkonstruktion festgestellt. Neben den Schäden durch holzzerstörende Pilze und Insekten hatten erste Befunde eine sehr hohe Belastung des Dachstuhles mit Holzschutzmitteln gezeigt. Die aufwändige Dekontamination des Dachbereiches war 2019 daher der erste Schritt, bevor weitere Untersuchungen folgen konnten. Diese brachten dann die Erkenntnis, dass der gesamte Schwellenkranz, auf dem der Dachstuhl aufliegt, gravierende Schäden aufweist, die dringend behoben werden müssen. Insgesamt müssen etwa 33 Kubikmeter Holz ausgetauscht werden, soviel wie in einen 7,5 Tonner LKW passen.

An die vertraglich vereinbarte Förderung  der Instandsetzungsmaßnahmen durch das Land Rheinland Pfalz sind bestimmte Vergabevorschriften gesetzt,  die in Form von Teilnahmewettbewerben in jedem Gewerk umgesetzt werden. Firmen können sich hier in einem gewissen Zeitraum auf die Leistung mit geforderten Referenzen bewerben. Im Anschluss an die Bewerbungen und die Wertung der eingegangenen Bewerbungen wird das Ausschreibungsverfahren eröffnet. Firmen die die Zulassungsvorsetzung zur Ausschreibung erfüllen, dürfen für das ausgeschriebene Gewerk ein Angebot unterbreiten. Dieses Verfahren wird vom Land bevorzug angestrebt, da dies einen guten Wettbewerb unter den Bietern ermöglicht. Nichts desto trotzt handelt es sich um eine zeitintensive Form des Vergabeverfahrens, welche zum Teil  auch ursächlich für die derzeitigen Verzögerungen ist. Die Teilnahmewettbewerbe für die Zimmer- und Klempnerarbeiten, Naturwerksteinarbeiten, sowie Putz-und Anstricharbeiten sind erfolgt. Die Zimmer- und Klempnerarbeiten wurden bereits vergeben, Ausschreibungsergebnisse für die anderen Großgewerke stehen noch aus, werden aber noch vor Weihnachten erwartet.

Die Arbeiten an der Vierungskuppel sind dabei nicht immer sichtbar:  Im laufenden Jahr konnte das Dombauamt den Rückbau der Sensorik für Temperatur und Luftfeuchtigkeit in der Kuppel für die anstehenden Arbeiten durchführen lassen. Ortstermine zum Thema Blitzschutz und Seilsicherung, sowie das Startgespräch mit dem Zimmermann sind ebenso erfolgt.

Derzeit wird das Gerüst an der Vierungskuppel für die anstehenden Zimmer- und Klempnerarbeiten durch den Gerüstbauer umgebaut. Das Gerüst war zunächst nicht für umfangreiche Austauscharbeiten an der Holzkonstruktion des Dachstuhles vorgesehen, weshalb die Gerüststatik verändert werden musste. Zusätzliche Verstrebungen sorgen für einen sicheren Arbeitsbereich für die anstehende Sanierung im Dachbereich, da hier große Mengen an Holz und somit auch große Lasten über das Gerüst transportiert werden müssen.

Die hohe Kontamination durch Holzschutzmittel sorgte für die Überarbeitung des Sicherheits- und Gesundheitsplanes, der einen sogenannte „Schwarz/Weißbereich“ während der Sanierungsmaßnahme notwendig macht und durch den Zimmermann noch in diesem Jahr eingerichtet wird. Wesentlicher Aspekt des Schwarz-Weiß-Prinzips ist die strikte Trennung von schmutzigen, schadstoffhaltigen oder verkeimten Stoffen oder Gegenständen von dem sauberen Bereich. Die Gesundheit der Mitarbeiter und vor Ort Tätigen steht dabei an erster Stelle.

Die Kosten für die Zimmer- und Klempnerarbeiten belaufen sich derzeit auf 580.000 Euro, was den Umfang der Arbeiten und den Schadensgrad im Dach verdeutlicht. Die Kosten der anderen Gewerke können zum aktuellen Zeitpunkt nicht seriös geschätzt werden. Die Ausschreibungsergebnisse, die noch in diesem Jahr erwartet werden, werden zu mehr Kostensicherheit führen. Der Abschluss der Arbeiten ist für das Jahr 2021 geplant insofern keine äußeren Umstände, wie der weitere Verlauf der Corona-Pandemie, dies verhindern oder weitere Schäden gefunden werden.

Risse im Gewölbe der Doppelkapelle

Bereits vor einigen Jahren wurden vom Dom-und Diözesankonservator Wolfgang Franz kleinere Rissbildungen in der Katharinenkapelle und St. Emmerams und St. Martinskapelle festgestellt. Bis zum heutigen Tag hat sich laut Konservator das Schadensbild stark verändert und die Risse sind zunehmend größer geworden.

Um eine Gefährdung von Besuchern durch herabfallende Putzstücke auszuschließen wurde die Kapelle vor Kurzem genauer in Augenschein genommen. Auf Anraten der Dombaumeisterin wurde der Dachstuhl der Katharinenkapelle genauer untersucht, um eine erste Einschätzung geben zu können und abzuwägen, ob eine Notsicherungsmaßnahme notwendig ist oder nicht. Ein hinzugezogener Statiker konnte zunächst Entwarnung geben. Da die Risse sich bereits auf der Oberseite der Gewölbe im Dachbereich abzeichnen sind weitergehende Untersuchungen in jedem Fall geboten. Dazu  wird in den kommenden Jahren ein Rissmonitoring installiert, das Bewegungen im Bereich des Gewölbes aufnimmt und Rückschlüsse über die Ursachen geben kann. Erste Vermutungen, unsachgemäße Reparaturen im Dach könnten ursächlich für die Rissbildungen sein, wurden bislang ausgeschlossen. Möglicherweise sind Absenkungen im Erdreich, bedingt durch einen Kanal, mit ursächlich für die Schäden.

Epitaph Rudolf von Habsburg – Auf Spurensuche

Bereits in 2019 konnten erste Untersuchungen am Epitaph Rudolf von Habsburg durchgeführt werden. Ermöglicht wurde die umfangreiche restauratorische Untersuchung durch die Dr. Albrecht und Hedwig Würz-Stiftung der Stiftergemeinschaft der Sparkasse Südliche Weinstraße. Die Untersuchungen zur Steinprovinienz dauern derzeit noch an. Durch Kontakte von Dombaumeisterin Drabik zur Münsterbauhütte nach Straßburg konnte eine erste Zuordnung des Materials in Straßburg erfolgen. Durch die Bekanntgabe einer geplanten Sanierung des Epitaphs wurden auch Kontakte zur Baseler Münsterbauhütte geknüpft, die das Grab von Anna von Habsburg, der Ehegattin Rudolfs von Habsburgs, und dessen Sohn Karl beherbergt. Die Kooperation mit den beiden Münsterbauhütten aus Straßburg und Basel führte im Jahr 2020 zu weiteren Fragestellungen, die in die Vorbereitung der geplanten Sanierung des Epitaphs einfließen. Aktuell werden mit Spannung die Untersuchungsergebnisse des Geologischen Instituts in Berlin erwartet.

Neben dem Epitaph Rudolfs von Habsburg in der Vorkrypta befinden sich in der Vorkrypta die Reliefs aus dem 15. Jahrhundert, die die Kaiser und Könige zeigen, die im Speyerer Dom begraben sind. Diese sollen nun ebenfalls mit Mitteln der Würz-Stiftung untersucht werden.. Die Sanierung der Reliefs und des Epitaphs soll als Gesamtmaßnahme in der Vorkrypta angegangen werden.

Text: Friederike Walter/Fotos: © Domkapitel Speyer  Friederike Walter/Hedwig Drabik

Diese Meldung und weitere Nachrichten des Bistums wurde veröffentlicht auf der Internetseite www.dom-zu-speyer.de

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