Silbermöwe

Donnerstag, 05. Juli 2018

Wenn ein stilles Gebet helfen muss

Südsudan ist ein Land im Trauma – Im jünsten Staat der Welt herrscht fast immer Krieg

Rebecca vom Volk der Nuer im Südsudan. Ihre beiden Söhne starben bei einem Masssaker, weil sie diesem Volk angehörten. Foto: kna

Martha drückt fest die Hand ihrer Schwester. Als könnte sie Rebecca schützen, indem sie deren Finger in ihrer Handfläche verschwinden lässt. Es ist ein stilles Gebet; nur die Lippen der Schwestern bewegen sich leicht in der kleinen Kirche. Vier Wände aus weiß gekalkten Zweigen, darüber ein Wellblechdach. Das ist das Gotteshaus. In einer Ecke murmeln Kinder beim Lesenlernen. Die beiden Frauen stehen auf, verneigen sich Richtung Kreuz und gehen zurück zur Hütte. Ohne Martha, ihren Rosenkranz und die Bibel wüsste Rebecca nicht, ob sie noch die Kraft gehabt hätte, in den letzten fünf Jahren immer wieder aufzustehen. Oft fällt es der 61 Jahre alten Frau heute noch schwer.

Die Sonne wirft ein mildes Licht auf sie. Rebecca hat auf ihrem Bett Platz genommen und blickt aus der Öffnung in der Wand aus Lehm und Zweigen. Zu dritt schlafen sie in der kleinen Hütte. Drei mal drei Meter. So wie viele der Hütten, die sich Reihe um Reihe im UN-Camp bei Juba aneinanderfügen, nahtlos, fast ohne Zwischenraum.

Ziernarben verteilen sich als Punkte über das ganze Gesicht von Rebecca. Sie zeigen jedem, dass sie Nuer ist. Ihre beiden Söhne starben, weil sie zu diesem Volk gehören. 2013, als im Südsudan der Krieg erneut ausbricht, finden sie bei einem Massaker den Tod: Kämpfer treiben Zivilisten zusammen, sperren sie in einen Container, um sie dann mit einem Maschinengewehr niederzumähen. 85 Menschen verlieren dabei ihr Leben. „Warum, um Gottes Willen, haben sie das getan? Warum rauben sie so sinnlos Leben?“, fragt Rebecca.

Der Bürgerkrieg des seit 2011 unabhängigen Südsudan forderte Zehntausende Opfer. 2,1 Millionen Menschen leben laut UN heute im Südsudan als Vertriebene oder als Flüchtlinge. In den Nachbarländern haben noch einmal 2,5 Millionen Südsudanesen Zuflucht gesucht. Brutale Massenvergewaltigungen lösen in dem Bürgerkrieg immer wieder Fluchtbewegungen aus, traumatisieren Zehntausende von Frauen. Nach Jahrzehnten Kampf um die Unabhängigkeit des erdölreichen Landes vom Sudan bringt der blutige Machtkampf zwischen Präsident Salva Kiir vom Volk der Dinka und seinem damaligen Stellvertreter Riek Machar vom Volk der Nuer seit 2013 dem Südsudan weiter Hunger, Leid und Elend.

Rebecca begrüßte den neuen Staat zunächst. „Die Geschäfte liefen gut. Ich war eine richtig runde, dicke Mama“, sagt sie und lacht leise. Drei Geschäfte besaß sie nahe Juba, inklusive einem Kühlschrank, der gekühlte Cola, frische Lebensmittel und Bier bot. „Die Tochter gut verheiratet, ein Sohn studierte, der andere war Fahrer.“ Dann kam der Krieg zurück. Rebecca und ihre Schwester Martha müssen 2013 um ihr Leben rennen, finden in einer Schutzzone der UN am Stadtrand der Hauptstadt Sicherheit. Beschützt von Blauhelmen, die rund um das Lager Zäune und Erdwälle errichten. Die Söhne schaffen es nicht mehr.
„Wie oft wünsche ich mir, dass der liebe Gott mich und nicht sie zu sich geholt hätte“, sagt die 61-Jährige. Dann ist es still. Ihre Augen wirken müde und traurig. Nachts durchschlafen ohne Alpträume und Tränen – das hat Rebecca seit dem Tod ihrer Kinder nicht mehr erlebt. „Was kann es für eine Mutter Schlimmeres geben, als ihre Kinder zu begraben?“ Martha greift nach ihrer Hand.

Heute kommt Michael zu Besuch. Er arbeitet für die Organisation Humanity & Inclusion (vormals Handicap International). Michael unterstützt traumatisierte Camp-Bewohner. Er ist ein geduldiger Zuhörer. Kurse „ersetzen“ zwangsweise ein ganzes Studium samt Therapeutenausbildung. Im ganzen Land soll es nur einen einheimischen Psychiater geben, heißt es. Die deutsche Psychologin Lena Schmid leitet das fünfköpfige HI-Team, erarbeitet mit ihnen einfache, von der Weltgesundheitsorganisation entwickelte Behandlungsformen. „Wir setzen bewusst auf lokale Mitarbeiter. Sie sprechen dieselbe Sprache, verstehen die Kultur und Bräuche in der Gemeinschaft.“ Rebecca ist dankbar für die Aufmerksamkeit. „Die Gespräche geben mir Mut“, sagt sie. Auch wenn sie oft schmerzten. Ihre Schwester Martha ist oft mit dabei.

Eigentlich bräuchte das Camp mit seinen 50 000 Einwohnern Unterstützung und Zuspruch. Die Bewohner von „Protection of Civilians II und III“ haben viel durchgemacht. Jeder kann davon erzählen. Der Blockälteste, der um zwei getötete Brüder trauert; Gatwang, dem eine Granate beide Beine abriss; die junge Theresa, die ihren Mann vermisst. Bei der Minenexplosion, die ihn tötete, verlor sie selbst ein Bein. John, der gern zu seiner Familie zurückkehren würde, doch die lebt drei Tagesreisen entfernt. Quer durch das Kampfgebiet führt die Route. Seit fünf Jahren hat er nichts mehr von seiner Frau, seinen Kindern und Enkeln gehört. „Manchmal nimmt es mir alle Kraft, nicht zu wissen, wie es ihnen geht“, sagt der 60-Jährige. Seit 2013 wandert eine Kugel durch seinen Körper, immer schneller in Richtung des Unterleibs. Humanity & Inclusion hilft, eine OP zu arrangieren.

Martha und Rebecca trinken mit Michael noch einen Tee. Dann verabschiedet sich der HI-Mitarbeiter. Martha klappert mit den Tassen. Draußen endet der Tag. Rebecca weiß, dass mit der Dunkelheit eine weitere düstere und schlaflose Nacht kommt. Dann hat sie Angst, dass Gott ihr eine Prüfung gegeben hat, die einfach zu schwer für eine Mutter ist. (kna)

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