Wochenkommentar

Mittwoch, 22. Januar 2020

Noch ist nichts gewonnen

Die Debatte im Bundestag zum Thema Organspende war eine Sternstunde; sie wurde sachlich, engagiert und lösungsorientiert geführt. Auch das Ergebnis kann sich sehen lassen und wird von den Kirchen gelobt: Die große Mehrheit hat sich für den Vorschlag der Abgeordneten um Annalena Baerbock (Bündnis 90/Die Grünen) und Katja Kipping (Linkspartei) ausgesprochen, der weiterhin auf die Freiwilligkeit der Organspende setzt, aber zugleich für mehr regelmäßige Denkanstöße und leichtere Möglichkeiten, eine Entscheidung zu dokumentieren, sorgen soll.
Die große Frage bleibt: Wird sich nach dieser Parlamentsentscheidung etwas ändern? 9 000 Menschen warten in Deutschland auf Organe. Das Verhalten der Deutschen bei dieser so überlebenswichtigen Frage aber ist ähnlich widersprüchlich wie beim Klimawandel: 84 Prozent haben eine positive Einstellung zur Organspende, aber nur 40 Prozent einen Organspendeausweis.
Für Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ist die Parlamentsentscheidung eine Niederlage. Die von ihm vorgeschlagene Widerspruchslösung hätte nach Meinung von Rechtsexperten der  Verfassung widersprochen. Doch dass der Bundesgesundheitsminister, unterstützt vom SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach, eine breite öffentliche Debatte in Parlament und Gesellschaft getragen hat und die Bereitschaft der Deutschen zur Organspende steigern will, ist zu begrüßen. Die deutschen Bischöfe haben aber immer wieder darauf hingewiesen, dass es weder eine soziale Pflicht zur Organspende gibt noch einen Rechtsanspruch auf den Erhalt eines fremden Organs. Die Spendenbereitschaft bleibt ein Akt der freiwilligen Nächstenliebe. Jetzt kommt es darauf an, dass viele aus ihrer grundsätzlichen Bereitschaft bewusst praktische Konsequenzen ziehen.

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Gerd Felder
 

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