Wochenkommentar

Donnerstag, 12. Oktober 2017

Abriss als letzte Lösung

Bestes Gegenmittel ist Wiederbelebung des Glaubenslebens

Über 500 katholische Kirchen in Deutschland wurden seit der Jahrtausendwende als Gottesdienstorte aufgegeben, 140 sogar abgerissen: Das sind viele Fälle, in denen Gläubigen (und Nicht-Gläubigen) das Herz geblutet hat, deren Vorfahren die Gotteshäuser mit viel Liebe, Einsatz und Spenden errichtet und nach den Zerstörungen des Krieges wiederaufgebaut haben. Kirchen, mit denen viele ihre eigene Taufe, Erstkommunion, Hochzeit oder das Requiem für nahe Angehörige verbinden.

Ja, Immobilien verursachen enorme Kosten und können häufig zur Last werden. Aber der Wert von Kirchen wird oft zu einseitig nach rein materiellen Gesichtspunkten bemessen, wie der Bonner Liturgiewissenschaftler Albert Gerhards zu Recht kritisiert. Auf die Emotionen der Menschen vor Ort wird nicht immer genug Rücksicht genommen. Und paradoxerweise entdecken oft gerade diejenigen, die die jeweilige Kirche zuvor nie zu einem Gottesdienst besucht haben, auf einmal deren Bedeutung. Dass es Notwendigkeiten und Zwänge vor allem finanzieller Art gibt, ist dabei unbestritten. Die Entscheidung für eine Profanierung, also eine Entweihung der Kirche, sollte aber gründlichst überlegt und nach allen Seiten abgewogen werden; der Abriss muss die letztmögliche Lösung sein und bleiben.
Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, hat schon vor Jahren dafür plädiert, Kirchen nicht als reine Zweckbauten zu betrachten und Gotteshäuser auch einfach einmal still liegen zu lassen.  Und noch ein anderer Vorschlag Sternbergs verdient Beachtung: In den Kirchengemeinden könnten sich Vereine bilden, die sich eigenständig um die Bauunterhaltung der betreffenden Kirchen kümmern.

Was Umnutzungen von Gotteshäusern angeht, so gibt es etliche gelungene, aber auch abschreckende Beispiele. Teil- und Mehrfachnutzungen können eine sinnvolle Alternative sein. Und selbst mit den Grabeskirchen oder Kolumbarien sollte man es nicht übertreiben: Diese Möglichkeit, die vor allem in den Bistümern nördlich der Main-Linie immer öfter bevorzugt wird und zweifelsohne ihren Charme hat, legt allzu sehr den Eindruck einer sterbenden Kirche nahe. Das beste Mittel gegen Schließung und Abriss ist immer noch eine Wiederbelebung des Glaubenslebens. (Gerd Felder)

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