Wochenkommentar

Mittwoch, 20. November 2019

Beim Blick ins Netz

Verrohte Sprache ist die Vorstufe der Gewalt

Dem Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) ist leider nur zuzustimmen, wenn er feststellt, die Gesellschaft in Deutschland verrohe zunehmend. Anlass für die Warnung des Ministers waren die Mord-Drohungen gegen Politiker im Internet. Doch diese Drohungen sind nur die Spitze eines großen und gefährlichen Eisbergs. Wer mal einen Blick ins Netz wirft, kann nur entsetzt sein darüber, was sich dort an Menschenverachtung, Drohungen, Schamlosigkeit, verrohter, ordinärer Sprache austobt. Die Primitivsten und Ordinärsten, die ganz und gar Ungehemmten geben einen erschreckenden Ton an.
Das alles kann bis jetzt anonym geschehen. Und deshalb ist dieses Verhalten nicht durch Meinungsfreiheit geschützt, sondern es ist nichts anderes als Missbrauch dieses hohen Gutes einer freiheitlichen Gesellschaft. Schreiber von Leserbriefen stehen dagegen mit (nachprüfbaren) Namen und Adressen für ihre Meinungen öffentlich ein. Im Internet aber können gefährliche Feiglinge unerkannt giften. Das kann, das darf ein freiheitlicher Rechtsstaat nicht dauerhaft hinnehmen. Er muss die Meinungsfreiheit vor Missbrauch schützen – durch strafbewehrte Gesetze, aber notfalls auch technisch.
Der Staat besteht jedoch nicht nur aus Politikern; der Schutz der Meinungsfreiheit geht alle Bürger an. Wir müssen uns klar machen, dass die Menschenverachtung, die Drohungen, auch die ordinäre Sprache eine starke Wurzel in der sich ausbreitenden Respektlosigkeit haben – Respektlosigkeit vor dem anderen, vor der anderen Meinung, vor dem Menschen. Das Übel beginnt im Kopf, im Denken; das Denken ist die Vorstufe und Grundlage der Sprache; und die Sprache ist die Vorstufe des Handelns, der Gewalt.
Gewiss, die Unmenschlichen und Gefährlichen sind nur eine Minderheit unserer Gesellschaft – allerdings eine zu große und zu laute. Aber die anderen dürfen nicht schweigen oder zu Mitläufern werden. Familien, Eltern, Gruppen  und Vereine sind gefordert. Widerstand ist erforderlich, und er ist möglich. Wer die ordinäre Sprache nicht mitspricht, und wer für Menschlichkeit, für Respekt – auch öffentlich – eintritt, wer sich der Menschenverachtung widersetzt, ist nicht unmodern, sondern in der Sprache unserer Zeit „cool“.

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Rudolf Bauer

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