Wochenkommentar

Freitag, 10. Mai 2019

Der Negativtrend als Chance?

Angesichts erschreckender Zahlen wächst der Druck auf die Kirchen

Es sind Zahlen, die aufschrecken, obwohl sie kaum überraschen können: Laut einer Studie des Forschungszentrums „Generationenverträge“ an der Universität Freiburg wird sich die Zahl der Kirchenmitglieder in Deutschland bis 2060 auf dann 22,7 Millionen halbieren, katholische und evangelische Kirche werden bis dahin auch die Hälfte ihrer Finanzkraft einbüßen. In Zeiten sprudelnder Kirchensteuereinnahmen wirkt diese Vorhersage wie eine kalte Dusche: Die Kirchen sind – langfristig betrachtet – alles andere als reich.   

Eine Rolle spielt: Bis 2060 werden aus der großen und kirchennahen Generation der Babyboomer, die derzeit ihre einkommensstärksten Jahre erlebt, nur noch wenige leben. Aber es ist nicht vorrangig der demographische Faktor, der zu dem erschreckenden Abwärtstrend führen wird, sondern vor allem Austritte und sogenannte „Taufunterlassungen“. Unabdingbare Konsequenz: Kirchenaustritte müssen gesenkt, Eintritte und Taufen, die immer weniger werden und immer später nach der Geburt stattfinden, gesteigert werden. Doch wie? Alle Anstrengungen der letzten Jahre haben gezeigt, wie schwierig sich das darstellt und wie unterschiedlich die Erwartungen vor allem an die katholische Kirche sind. Und dann ist da noch der Missbrauchsskandal, der schlimmste Vorurteile und Klischees bestätigt und das Vertrauen in die Kirche und ihre Glaubwürdigkeit auf Jahre, wenn nicht Jahrzehnte hin erschüttert hat. Die Lage ist also keineswegs durch eigenes Zutun zum Besseren gewendet worden, sondern eindeutig zum Schlechteren.
Dennoch: Die Hände in den Schoß zu legen, wäre völlig falsch. Auftreten, Handeln und Verkündigung müssen überzeugender, Strukturen gestrafft und verschlankt werden, dringende Reformen müssen her. Doch richtig ist auch, dass Bequemlichkeit, Gleichgültigkeit und wachsender Individualismus in einer Leistungs-, Konsum- und Freizeitgesellschaft maßgeblich zur Lage der Kirchen beitragen. Der Eindruck, die Kirchen könnten sich bemühen, wie sie wollten, und trotzdem würde der derzeitige Negativtrend sich fortsetzen, ist nicht ganz falsch. Doch kann es am Ende nicht zum Vorteil werden, wenn die Kirche der Zukunft nicht mehr groß, mächtig und finanzstark da steht? (Gerd Felder)         

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