Wochenkommentar

Donnerstag, 11. Oktober 2018

Deutsches Nörgeln

Dankbarkeit und Stolz auf das Erreichte sollten überwiegen

Ein Hang zum politischen Nörgeln scheint zum deutschen Wesen zu gehören. Wäre es anders, würde Jahr für Jahr der Feiertag der Deutschen Einheit freudiger, selbstbewusster gefeiert. Können wir uns nicht uneingeschränkt und mit Stolz darüber freuen, was vor fast 30 Jahren gelungen ist: Eine – von den Kirchen unterstützte – unblutige Revolution mit dem Ergebnis der Wiedervereinigung? Über Nacht Einigkeit und Recht und Freiheit für das ungeteilte Deutschland! Großartig.

Aber da sind in jedem Jahr am 3.Oktober jene Nörgler zu hören, die „der Politik“ vorwerfen, die Einheit sei noch nicht vollendet; es gebe materielle Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland. Da wird vorwurfsvoll nach den versprochenen „blühenden Landschaften“ gefragt. Liebe Kritiker: Schon mal was davon gehört, dass es auch zwischen Süd- und Norddeutschland wirtschaftliche Unterschiede gibt? Einheit meint doch nicht Einheitlichkeit auf allen Ebenen und in allen Lebenslagen. Wer Städte und Dörfer in der früheren DDR gesehen hat, wird nicht bestreiten können, dass aus Fassaden, die vor dem Zusammenbruch standen, wirklich blühende Landschaften und liebenswerte Städte (Erfurt zum Beispiel) geworden sind.

Wir täten gut daran, gemeinsam jene Ungleichheit zu bekämpfen, die ein gefährliches Ärgernis geworden ist: Die wachsende Kluft zwischen den Super-Reichen und den vielen anderen. Vor allem aber haben wir Deutsche viele Gründe, uns über das zu freuen, auch stolz darauf zu sein, was in fast 30 Jahren Einheit und fast 70 Jahren Bundesrepublik erreicht worden ist. Dafür dankbar zu sein, ist gut für das Weiterwachsen der Einheit und auch für unsere Demokratie, die täglich Kompromisse zwischen auseinanderströmenden Einzelinteressen suchen und  finden muss.

Kompromisse sind nicht bei allen beliebt. Aber sie sind ein Wesenselement der Demokratie, für die bis zur Wiedervereinigung in Ost-Deutschland gekämpft und gelitten wurde. Vielleicht gelingt es uns ja doch noch, die deutsche Einheit als großes Glück zu empfinden. Nicht erst am nächsten 3. Oktober, sondern  heute und morgen und übermorgen – dankbar für Einigkeit und Recht und Freiheit und für eine lebendige, dauernd sich bewährende Demokratie. (Rudolf Bauer)   

 

 

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