Wochenkommentar

Donnerstag, 25. Juli 2019

Wertschätzung oder Anbiederung?

Unterscheidung in der Sprache nicht vermischen

„Bei uns findest Du, was Du suchst“. Oder: „Wir bieten Dir ein gutes Betriebsklima“. Oder: „Schreib uns, wir werden Dir sofort antworten“. Oder: „Hast Du Fragen? Hier ist unsere Internet-Adresse“. Oder: „Hat Dein Kind Schwierigkeiten in der Schule? Wir helfen.“ Das sind nur ein paar, willkürlich herausgegriffene Sprüche, wie sie sich heutzutage vielerorts aufdrängen – nicht von Freunden, sondern von Aufdringlichen. Jeder kennt das. Das „Duzen“ die Anrede mit Du, ist also keineswegs mehr ein Ausdruck des Vertrautseins oder der Freundschaft. Es wird für die Werbung missbraucht, auch für ein plumpes öffentliches Anbiedern.

Das Du muss nicht ein feierliches Wort sein. In manchen Lebensbereichen und Berufen ist das Du durchaus üblich. Etwa im Theater und  weithin in den Fernseh- und Rundfunkanstalten. Aber da bedeutet es auch nicht viel. Vielmehr sind gerade dort Konkurrenzkampf und Mobbing stark ausgeprägt. In englisch-sprachigen Regionen der Erde wird nur geduzt; denn die englische Sprache kennt nur das Du (you). So kann beispielsweise jeder Bürger der USA den Präsidenten ausschließlich mit you, also du, anreden. Von Donald Trump sich in der Anrede durch ein Sie zu distanzieren – das geht nicht, was mancher US-Amerikaner bedauern mag.

Wir Deutsche haben die sprachliche Unterscheidung zwischen Sie und Du, ebenso die Italiener, Franzosen, Spanier, Niederländer und viele andere Völker. Sie gehen unterschiedlich locker oder ernsthaft damit um, und das kann ja auch jeder halten, wie er oder sie will. Aber: Es wäre sehr zu bedauern, wenn auch in diesem kleinen, aber nicht unwichtigen Bereich die deutsche Sprache englisch eingeebnet würde – wie es in Schaufenstern, Plakaten und in der Werbung zunehmend und ohne Not geschieht. Wer das beklagt, ist kein Deutschtümler, sondern möchte Feinheiten und Unterscheidungs-Möglichkeiten der deutschen Sprache erhalten, sonst nichts. Wenn wir das Sie verschwinden lassen und das Du zur allgemeinen Anrede machen, dann entwerten wir unser freundschaftliches, verlässliches, vertrautes, auch liebevolles Du, zu dem wir uns verbrüdern – wenn wir wollen. Wir würden entwerten, was zum Reichtum unserer Sprache gehört. Und das wäre sehr, sehr schade. (Rudolf Bauer)

Schreiben Sie Ihre Meinung zu diesem Beitrag an:  Rudolf Bauer

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