„pilger“-Leserreise nach Polen

Unterwegs auf den Spuren von Karol Wojtyla und Edith Stein

Die beiden sind sich nie begegnet, aufgrund ihrer verschiedenen Lebenswelten war dies auch unmöglich: Karol Wojtyla, geboren 1920 im polnischen Wadowice, später Papst Johannes Paul II., und Edith Stein, als Ordensfrau jüdischer Abstammung 1942 nahe dem deutsch besetzten polnischen Städtchen Oswiecim ermordet, in dem Ort, dessen Name für das Grauen schlechthin steht – Auschwitz.

Berührungspunkte zwischen beiden Leben gibt es dennoch. Es ist fast so, als ob sich die inneren Wege dieser beiden großen christlichen Gestalten mehrfach getroffen haben. Das zeigte eine Leserreise des "pilger", die von 5. bis 11. September auf Spuren des Papstes und auf Spuren Edith Steins in die Heimat der beiden führte. 24 Teilnehmerinnen und Teilnehmer begleiteten Reiseleiter Klaus Haarlammert in das östliche Nachbarland. Hauptziele waren dabei Krakau und Breslau.

Die Motivationen zur Teilnahme der "pilger"-Leser und -Freunde waren ganz unterschiedlich: Die einen interessieren sich vor allem für diese beiden Großstädte mit ihren vielen Baudenkmälern von europäischem Rang. Für manche der Reisenden gab es persönliche Gründe, mit dem "pilger" nach Osteuropa zu fahren: Sie begegneten einem Stück eigener Lebensgeschichte, weil sie selbst oder nahe Verwandte aus Schlesien oder anderen ehemals deutschen Gebieten stammen und nach dem letzten Krieg vertrieben wurden.

Manche und mancher fand die Personen von Karol Wojtyla und Edith Stein so faszinierend, dass sich eine solche Reise anbietet: "Wenn man Edith Stein besser verstehen will, muss man ihre Heimat kennen."

Spurensuche ebenfalls in der Heimat des Wojtyla-Papstes – das heißt, seine Geburtsstadt Wadowice aufzusuchen. Vor allem viele Polen wollen sehen, wo "ihr" Papst zur Welt kam und die ersten Lebensjahre verbrachte. Johannes Paul II. kehrte selbst hierher zurück. Ganz stolz zeigt man in seiner Taufkirche nicht nur den Taufstein und eine Reliquie des Seligen, sondern den Stuhl, auf dem er bei einer heiligen Messe in Wadowice saß. 

Im Vorland der Karpaten gelegen, erinnert Wadowice zugleich an einen anderen Papst – der sportbegeistert war und das Wandern in den Bergen liebte. Die enge Verbindung von Naturerlebnis und Glaube, zeigt der Wallfahrtsort Kalwaria Zebrzydowska an. Die prächtige Kirche ist an einen Berghügel gebaut, zwischen den uralten Bäumen liegen malerisch eingestreut die Kreuzwegkapellen des Kalvarienberges. Mit seinem Vater kam bereits der kleine "Karolek" hierher zum Beten. 

Später, als Johannes Paul II., verstand er sich bei seinen Reisen rund um die Erde stets als Pilger. Auch in seiner Heimat suchte der Papst die großen Wallfahrtsorte auf – etwa Tschenstochau und Sankt Annaberg. Viele Generationen – und viele Nationen – pilgerten hierher. Das war ein Fundament ihres Glaubenslebens.

Die in Breslau aufwachsende Edith Stein hatte ihren jüdischen Glauben mit 14 Jahren bewusst abgelegt und sich das Beten abgewöhnt. Die Suche nach der Wahrheit gab sie allerdings nie auf. Darüber kam die hochintelligente junge Frau zur Philosophie. „Im Wissen besitzen wir die Wahrheit“, sagte sie. In ihrem Studium stieß sie auf die Phänomenologie des Philosophen Edmund Husserl, der ihr wissenschaftlicher Mentor wird. Später setzte sie sich auch mit der Arbeit des Philosophen Max Scheler auseinander.

Dem Student Karol Wojtyla, der während der deutschen Besatzung Polens ab 1939 Zwangsarbeit in einem Steinbruch leistete und im Widerstand gegen sie mitkämpfte, war die Philosophie wie ein Lebense-  lexier. Die deutschen Philosophen schätzt er besonders, in einer wissenschaftlichen Arbeit setzte er sich mit Max Schelers Religionsphilosophie auseinander. Wojtyla beginnt seine Überlegungen beim mittelalterlichen Theologen Thomas von Aquin.

Thomas spielt auch bei Edith Stein eine große Rolle, während ihrer Speyerer Zeit, als Lehrerin im Kloster St. Magdalena, übersetzt sie Texte Aquins ins Deutsche. Über die Philosophie, vielmehr über Freunde und Kollegen, fand Edith Stein anfangs der 1920er-Jahre zum Christentum. Wenn sie in Breslau bei der Mutter zu Besuch ist, geht Edith heimlich zum Beten in die Michaelskirche nahe bei ihrem Elternhaus. Dort erinnert heute eine kleine Kapelle an die Heilige.

Die Biographie Teresa von Avilas prägte sie ebenso wie das Leben des Mystikers Johannes vom Kreuz. Ausgehend von ihm wird sie später ihre "Kreuzeswissenschaft" schreiben – eine  Theologie des Kreuzes und der Nachfolge Christi. 

Johannes vom Kreuz spielte im Werdegang Karol Wojtylas eine wichtige Rolle: 1948 schreibt er in Rom seine theologische Doktorarbeit über den Heiligen. Zurück in Polen, schlägt Wojtyla zunächst die wissenschaftliche Laufbahn ein – er wird Hochschullehrer.

Eine solche Laufbahn blieb Edith Stein als Frau verwehrt. 1933 belegen die Nationalsozialisten sie wegen ihrer jüdischen Herkunft gar mit einem Lehrverbot. Immer mehr hat Edith Stein, die Ende 1933 ins Kölner Karmelkloster eintritt, unter den Repressalien gegen jüdische Mitbürger zu leiden. 

Für Karol Wojtyla, den jungen Mann in Krakau, der mit dem Gedanken spielt, ins Priesterseminar einzutreten, ist die Judenverfolgung Anfang der 1940er-Jahre ein Stück grausamer Lebenswirklichkeit geworden. Jüdische Freundinnen und Freunde werden von der Gestapo abgeholt, verschwinden spurlos.

In Krakau blühte das jüdische Leben jahrhundertelang, wie die "pilger"-Reisenden in einem jüdischen Friedhof und einer kleinen "Hinterhof-Synagoge" im Stadtviertel Kazimierz erfahren. Das jüdische Gotteshaus zeigt, wie nah uns die Juden im Glauben sind. "Sie sind unsere älteren Geschwister im Glauben" – davon war Papst Johannes Paul II. überzeugt. Die Spuren der Judenvernichtung in Auschwitz und andernorts in Polen, nicht weit von Krakau entfernt, hat auch den Lebensweg des jungen Theologen geprägt. Karol Wojtyla hat sich nach der Befreiung Polens um frühere Häftlinge der Todeslager gekümmert. Eines der Opfer des millionenfachen Todes war Edith Stein, die vermutlich am 9. August 1942, sofort nach ihrer Ankunft an der Zugrampe, in der Gaskammer getötet wurde.

Auch der "Stolperstein" vor ihrem Breslauer Elternhaus nennt diesen Todestag Edith Steins. Das Haus hält die Erinnerung an sie wach und ist ein Begegnungszentrum für junge Leute und Intellektuelle aus ganz Europa geworden. "Edith Stein ist für uns ein Vorbild der Vergebung. Sie zeigte uns mit ihrem Leben: Gottes Wahrheit ist Barmherzigkeit und Vergebung", sagt Pfarrer  Jerzy Witek von der polnischen Edith-Stein-Gesellschaft. Auch hier berühren sich die Wege von Edith Stein und Karol Wojtyla wiederum.

Denn der Einsatz für die Versöhnung der Völker war ebenfalls für Wojtyla charakteristisch. Beim Zweiten Vatikanischen Konzil machte er sich dafür stark, in die Konzilstexte die Menschenrechte und das Grundrecht auf Religionsfreiheit einzuarbeiten. 1965 war der Krakauer Erzbischof Wojtyla dann maßgeblich beteiligt am Versöhnungsangebot der polnischen Bischöfe an die deutschen Christen.  (hm)

Hinweise
Weitere Bilder von der Polen-Reise finden Sie direkt unter dem Link zur Bildergalerie

Information und Anmeldung zu den Reisen

Weitere Informationen zu den pilger-Leserreisen erhalten Sie bei:

"der pilger"
Hasenpfuhlstr. 33
67346 Speyer
Tel. 06232-102423
Fax 06232-102341

info@pilgerreisen-speyer.de
www.pilgerreisen-speyer.de

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