Pilgern

Aparecida: Der größte Wallfahrtsort der Welt

Die Wallfahrtsbasilika von Aparecida. Bild: Oraggio/Fotolia.com

Eine kleine, nicht einmal vierzig Zentimeter hohe Madonnenfigur machte aus einem verschlafenen Nest irgendwo auf halber Strecke zwischen Rio de Janeiro und São Paulo einen der größten Wallfahrtsorte der Welt. Jedes Jahr pilgern sieben Millionen Menschen zu Nossa Senhora Aparecida, um der brasilianischen Nationalheiligen die Ehre zu erweisen. Und nicht immer sind die Gottheiten, denen sie dabei huldigen, die der christlichen Kirche.

Die schwarze Madonna mit ihrer Diamantenkrone und dem bodenlangen blauen Umhang, auf dem links und rechts die Nationalflagge prangt, ist in Brasilien allgegenwärtig. Ihre Statue fehlt in kaum einem Wohnzimmer, ihr Bild schmückt Kalender, Autofenster, Schulhefte und Bürowände. „Nossa Senhora“, „unsere Herrin“, sagen die Brasilianerinnen, wenn wir in Deutschland „mein Gott“ sagen würden. Maria ist es, die sie verehren – und zwar nicht, weil sie die Mutter eines berühmten Sohnes ist, sondern weil sie hilft, weil man sie um Rat fragen kann, weil sie Schutz bietet. 

„Das brasilianische Volk liebt Maria“, erklärt Patricia Tosta, Journalistin bei Radio Aparecida, einem ganz der Madonna gewidmeten Sender. „Dieser Kult ist Teil unserer Volksreligiosität. Wir verehren Maria, die Mutter, die Beschützerin, die Frau, die unter so vielen Schwierigkeiten zu leiden hatte. Auch unser Volk leidet unter vielem, und deshalb sieht es in Maria die Gefährtin, von der es Hilfe erbittet.“ 

So wie zum Beispiel Dona Esmeralda. Auf ihrem kleinen Hausaltar im Hinterzimmer hat sie der Muttergottes mit dem blauen Umhang natürlich einen Ehrenplatz gegeben. Aber da tummeln sich noch mehr Figuren: der heilige Georg in Ritterrüstung und hoch zu Ross, ein alter Schwarzer mit grauem Haar, der heilige Sebastian, dem das Blut aus den Wunden läuft. Das Jesuskind als Plastikpuppe. Außerdem: ein Glas Wasser, eine Schale mit Bonbons, eine winzige Tasse mit starkem Kaffee. Dona Esmeralda ist eine gute Katholikin. Und sie opfert den Heiligen, sie kocht für sie und achtet dabei auf ihre Vorlieben. Denn schließlich sind es auch die Gottheiten und Geister ihrer Vorfahren, die irgendwann einmal als Sklavinnen und Sklaven aus Afrika verschleppt wurden. 

Umbanda oder Candomblé nennt man diese eigentümliche Mischung aus Katholizismus und Naturreligion. Weil ihre traditionellen Religionen in Brasilien verboten waren, setzten die Schwarzen ihre verschiedenen Gottheiten mit katholischen Heiligen gleich – den kämpferischen heiligen Georg mit dem Kriegsgott Ogum, den von den Toten auferweckten Lazarus mit Omolu, dem Gott der ansteckenden Krankheiten. Und viele Göttinnen werden von Maria in ihren verschiedenen Erscheinungen repräsentiert: Oxum, die Fruchtbarkeitsgöttin, ist die Maria der unbefleckten Empfängnis, Nana, die alte weise Göttin, ist Maria als Muttergottes. 

Einmal im Leben, sagt Dona Esmeralda, solle jeder einmal zum Tempel der schwarzen Madonna nach Aparecida pilgern. Sie selbst war sogar schon zweimal dort. Normalerweise fährt sie aber lieber an den Strand von Praia Grande, wo eine große Statue der schwarzhaarigen Meeresgöttin Iemanjá steht, die ja auch irgendwie Maria ist. „Diese Sachen sind historisch gewachsen“ sagt Bischof Dom Jose Carlos weise auf die Frage, was er denn von dieser merkwürdigen Religionsvermischung hält. „Wir sollten nicht immer so logisch sein. Manchmal kann man die Dinge eben nicht säuberlich auseinander halten.“ Eine pragmatische Haltung, die viele seiner Kollegen teilen. Etwas anderes ließe sich in Brasilien vermutlich auch gar nicht durchsetzen. 

Das Nationalheiligtum der Madonna, die Kathedrale von Nossa Senhora Aparecida, liegt etwa auf halber Strecke zwischen São Paulo und Rio de Janeiro, direkt an der Autobahn. Der riesige Bau bietet Platz für 45.000 Menschen und soll, so versichern die Brasilianer, die zweitgrößte Kathedrale nach dem Petersdom in Rom sein. Freilich ist sie längst nicht so prächtig: ein schlichter Backsteinbau mit einfachen Holzbänken und Metallgeländern, die die Besucherströme leiten. Hier gibt es keine vergoldeten Altäre und Michelangelo-Skulpturen, keinen Prunk und keine Pracht, nur rund um die kleine Madonna selbst glitzern ein paar Quadratmeter goldfarbener Stoff. Um die Tristesse etwas zu mildern, hat ein naiver Künstler die Steinwände mit antiken Torbögen und blauem Nachthimmel bemalt. Die brasilianische Madonna ist eine Heilige für einfache Leute, und die fühlen sich hier zu Hause. Unbekümmert hüpfen Kinder durchs Kirchenschiff, Liebespaare halten Händchen, Fotoapparate klicken. Niemand kontrolliert, ob Knie und Schultern auch züchtig bedeckt sind. 

Es waren ja auch die kleinen Leute, die Maria so groß gemacht haben. Im Jahr 1717 sollten drei Fischer des Ortes für die Bewirtung eines durchreisenden Gouverneurs sorgen. Doch statt Fischen fanden sie in ihren Netzen nur eine kleine, zerbrochene Terrakotta-Figur der Muttergottes, zuerst den Körper, etwas später dann den dazugehörigen Kopf. Sie fügten beides zusammen – und plötzlich zogen sie volle Netze aus dem Fluss. Aus Dank bauten sie der so unverhofft Aufgetauchten, aparecida auf portugiesisch, eine kleine Kapelle. Bald zeigte sich, dass die kleine Madonna immer weiter Wunder wirkte. Sie heilte Kranke, sorgte für gute Ernten, und 1850 befreite sie den Afrikaner Zacarias aus der Sklaverei. Seither gilt die verwitterte dunkle Terrakotta-Figur erst recht als „schwarze“ Madonna, als Schutzheilige der afroamerikanischen Bevölkerung. 

Im Lauf der Jahrhunderte wurde aus der Kapelle eine richtige Kirche, dann eine größere Kirche, und schließlich eine Kathedrale. An den Namen des ursprünglichen Dorfes erinnert sich niemand mehr, die Stadt, zu der es längst geworden ist, heißt heute ebenfalls Aparecida. Erst relativ spät haben auch die Obrigkeiten sich das Phänomen zu eigen gemacht: Ende des 19. Jahrhunderts stiftete die portugiesische Prinzessin Isabel der Madonna eine diamantene Krone und einen blauen Umhang, und nachdem Brasilien unabhängig war, bekam Nossa Senhora sogar einen eigenen Nationalfeiertag. Heute hängt mitten in der Kathedrale die Nationalflagge. Auch der Papst hat Nossa Senhora Aparecida inzwischen offiziell als Schutzheilige Brasiliens anerkannt. 

In einer Seitenkapelle der Kathedrale von Aparecida beginnt ein Priester eine Messe zu halten, als fünf Frauen eintreten. Sie tragen weite, weiße Kleider und Kopfbedeckungen, um den Hals bunte Ketten: Candomblé-Priesterinnen, oder zumindest Initiierte auf Wallfahrt. Ernst setzen sich die Frauen in die erste Reihe, zwei junge Männer rücken respektvoll zur Seite. Der Priester blickt auf, nickt den Frauen kurz zu, und fährt dann in seiner Predigt fort. Die Atmosphäre ist entspannt. Mit religiösem Dogmatismus kommt man in diesem Land nicht weit. 

Das bekam vor einigen Jahren auch der Pastor einer evangelisch-pfingstlerischen Kirche zu spüren. Bei einem Live-Auftritt im Fernsehen wetterte er gegen den Marienkult und schleuderte demonstrativ eine Statue von Nossa Senhora Aparecida zu Boden – das sei doch nur ein simples Stück Holz, geiferte er. Ein landesweiter Sturm der Entrüstung belehrte ihn eines Besseren: Es gab Sonderberichte im Fernsehen, besorgte Stellungnahmen von Politikern, riesige Demonstrationen in fast allen Städten und sogar gewalttätige Angriffe gegen evangelische Kirchen. Der Pastor musste sich schließlich öffentlich entschuldigen. Und Nossa Senhora, „unsere Herrin“, ist so populär wie eh und je.

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Stichwort „Pilger“

Seit jeher gehen die Menschen dem Bedürfnis nach, aus religiösen Gründen ihre Heimat zu verlassen und die Fremde zu suchen. Sie pilgern. Früheste Dokumente dazu gibt es aus dem Jahr 333 nach Christus, und zwar von einer Reise ins Heilige Land. Pilgerfahrten kennen auch die anderen Weltreligionen, etwa im antiken Griechentum oder in den fernöstlichen Religionen.

Zurück in unseren Kulturkreis: Von Peregrinus – einem lateinischen Wort für "Fremdling" oder von peregrinari ("in der Fremde sein") leitet sich das heutige Pilgern ab. Pilgern – das ist Beten mit den Füßen sagen manche. Ziele für das Pilgern gibt es genug: Trondheim im Norden, Rom im Süden, Santiago de Compostela in Nordspanien, schließlich Jerusalem im Nahen Osten. 

Eine Pilgerreise ist ein 'legaler', anerkannter Grund, aus dem Alltag auszubrechen und die Eintönigkeit des Lebens zu durchbrechen. Pilgern führt durch fremde Länder, Landschaften und Städte. Eine Pilgerreise führt mit fremden Menschen, fremden Kulturen und oft auch mit Religionen zusammen. Unterwegs trifft man auf die Menschen, die dort leben, oder auf andere Pilgerinnen und Pilger. Mit ihnen ergeben sich gemeinsame Motive, ein gemeinsames Ziel, man teilt Eindrücke und Erfahrungen mit ihnen - manchmal auch abenteuerliche Erlebnisse und Ereignisse. Eine Pilgerreise bedeutet außerdem meist ein einfaches und ursprüngliches Leben. Pilgern heißt: Man ist zu Fuß unterwegs, ernährt sich einfach und gesund, trägt seine wenigen Habseligkeiten am eigenen Leib. Luxus ist beim Pilgern in der Regel tabu. Das Gehen bringt den Pilger in einen ganz eigenen Zeitrhythmus hinein. Wer läuft, braucht mehr Zeit, gönnt sich mehr Zeit. Der Pilger oder die Pilgerin kann sich mehr Zeit nehmen, als es der geschäftige Alltag unserer Gegenwart gestattet, in dem Terminkalender, Meetings, Fahrpläne oder Stechuhren den Tag strukturieren. 

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